Reiter verbinden mit dem Pferderücken das Glück der Erde. Nick Weber setzt erst einmal auf einen passenden Sattel. Der 23-jährige Reitsportsattler weiß: Da steckt viel Wissen und Arbeit drin. Seit gut einem Jahr betreibt Nick Weber seine eigene Reitsportsattlerei mitten im Grünen, in der Sassenberger Bauerschaft Rippelbaum in der Nähe von Warendorf. „Die Nachfrage ist gigantisch“, bekennt der 23-Jährige. „Ich könnte auch zwei Sattler mehr beschäftigen.“ Aber das will er nicht. Noch nicht. Seine Pläne gehen in eine andere Richtung.
„Sattel ist eine Art Reitadapter“
„Der Sattel ist eine Art Reitadapter“, erläutert er anschaulich. Keine Frage, dass ein solcher Adapter passgenau sitzen sollte – mindestens für das Pferd, am besten auch im Zusammenspiel mit dem Reiter. Tut er allerdings allzu oft nicht. Ein schlechtsitzender Sattel beeinträchtigt das Pferd. Im Extremfall lässt es sich nicht mehr satteln. Weber verbindet viel mit der Reiterei. In der Pfalz lebte er in einer Gegend, in der es kaum Freizeitmöglichkeiten für Kinder gab, erzählt er. Die Brüder spielten Fußball. Das mochte er nicht. Der Reitbetrieb am Ort schien spannender. Er stieg dort aufs Pferd und bewies Talent. Bis zu höheren Lektionen der Dressur habe er es gebracht. Allerdings nicht im Turnierbetrieb, denn der sei teuer gewesen.
Handwerk mit Haltung
Schulpraktika brachten für den jungen Pferdefan die entscheidende Wende. Er testete das Hufschmiede- und das Sattlerhandwerk und blieb beim Reitsportsattler hängen. Eine folgenreiche Entscheidung: Die Lehre führte ihn schon mit 16 Jahren aus der Pfalz nach Köln. In der Berufsschule in Herford lernte er seine heutige Lebenspartnerin kennen. Charlotte Rüters Vater machte später in einem Seitengebäude seiner Tischlerei Platz für das Sattler-Start-up.
Nick und seine Freundin haben den nachgefragten dreimonatigen Kurs an der einzigen deutschen Vollzeit-Meisterschule besucht. „Das war anstrengend und auch ziemlich teuer, aber es hat sich gelohnt“, sagt Nick Weber. Schließlich gehören für einen guten Sattel Gespür, Wissen und solide Handwerkskunst zusammen. Einen zweiten Arbeitstisch gibt es in der Werkstatt schon, bald sollen darüber auch zwei Meisterbriefe hängen. „Wir wollen uns hier gemeinsam etwas aufbauen“, blickt der entschlossene Pfälzer zuversichtlich in eine münsterländische Zukunft.
Warum das Material des Sattels einiges aushalten muss, der regelmäßige Check des Sattels für Reiter zur Routine gehören sollte und warum jedes Pferd schief ist, lesen Sie in der hierzulande-Sommerausgabe 2026. Wie verändert sich die Länge des Sattelbereichs? Blockiert der Sattel die natürliche Bewegung des Tieres? Gibt es vielleicht zu viel Spiel? Und schließlich auch: Wie passt der Sattel zum Reiter? Sitzt er an der richtigen Stelle des Pferderückens und so bequem, dass Mensch und Tier ein entspanntes Team abgeben? Mit all diesen Fragen beschäftigt sich Nick Weber.
Text und Bilder: Ulrike von Brevern
Es ist still in der Werkstatt. Eine beherrschende Stille, die atmet. Auf der Werkbank liegt eine geöffnete Uhr, ihr Gehäuse wie eine kleine Bühne, auf der Zahnräder warten, als hätten sie den Atem angehalten. Uhrmachermeister Reinhold Flüthe beugt sich darüber, die Stirn leicht gefurcht, die Lupe vor dem Auge – ein Monokel der Geduld. Tick-Tack.
„Eine Viertelstunden-Repetition“, doziert der 60-jährige Telgter. Wie einen Schatz wiegt er die Spindeltaschenuhr in der Hand. Und es ist tatsächlich ein Schatz. Zu Beginn des 18. Jahrhunderts ließ ein betuchter Engländer diesen Zeitmesser anfertigen. Rechne man den damaligen Anschaffungswert hoch, entspräche er heute einem Vermögen im siebenstelligen Bereich, sagt der Fachmann. 750er Gold für das Gehäuse, die Hülle mit Rochenleder ummantelt. Einzelteile des Werks sind mit millimetergroßen Gravuren verziert – eine Auftragsarbeit von seltener Präzision. Der Fehler ist gefunden. „Dafür muss ich ein Ersatzteil fertigen“, sagt Flüthe. Kaum dicker als zwei menschliche Haare nebeneinander wird es sein.
Flüthes Hände erzählen Geschichten. Nicht so viele wie die Uhren selbst – jene stillen Begleiter, die ihre Besitzer ins Glück führten und bis in den Tod hinein begleiteten. „Kriege haben zahlreiche überlebt, manche Uhr als Versehrte“, berichtet er. Zu jeder Art von Schicksal haben sie den Takt geschlagen.
Diese Hände zittern nicht. Sie zögern nicht. Sie wissen. Mit der Pinzette greift Flüthe nach einem Rädchen, kaum größer als ein Mohnkorn, setzt es behutsam an seinen Platz, als würde er ein Kind ins Bett legen. „Hörst du das?“, sagt er leise, mehr zu sich selbst als zu dem Besucher. Gemeint ist das Ticken, dieses gleichmäßige, beruhigende Pochen, das wieder einsetzt, wenn alles stimmt. Tick-Tack.
In fünfter Generation führt Reinhold Flüthe den Betrieb. Sein Vorfahr Franz eröffnete 1859 am Kirchplatz in Telgte eine Uhrmacherwerkstatt mit kleinem Laden. Wer in der Emsstadt vor mehr als 165 Jahren eine Taschenuhr tragen wollte, fand bei Flüthe eine stattliche Auswahl an Gehäusen, Zifferblättern, Zeigern und Uhrwerken. Diese Idee greift Reinhold Flüthe junior heute neu auf: Kunden können sich unter seiner Anleitung ihre Uhr individuell zusammenstellen – und sie in einem Seminar selbst fertigen. „Spätestens dann hat dich das Uhrenvirus gepackt“, verspricht der Meister.
Viele Kunden reizt genau das Spiel mit den Zeiten: Altes mit Neuem zu verschränken. Flüthes Uhrwerke kommen von der Schweizer Firma ETA, der Boden ist gläsern. „Nicht nur Technikfreaks lieben das“, sagt er. Nach einer Einführung in die Geschichte der Uhr kann der Besitzer dem Chronometer bei der Arbeit zusehen. Die stete Unruhe der filigranen Maschine macht neugierig.
Gern vergleicht Flüthe seine Kunst mit der der Autotuner. „Wir veredeln“, sagt er. Uhren mit Strahlenschliff, auf Wunsch auch mit perlierter Oberfläche – ein gestalterisches Zitat großer Marken. Fliegerkrone? Möglich. Beim Armband sind die Spielräume enorm – Materialwahl und Ausgestaltung. Flüthe kommt ins Schwärmen: Schrauben plan geschliffen und gebläut als Blickfang im Zentrum. Workshop und selbstgemachte Uhr haben ihren Preis.
Kein Wunder, dass auch Uhren dem Zeitgeist unterworfen sind. Der Uhrmacher wird zur handwerklichen Rarität. Der Geschmack ändere sich schnell, sagt Flüthe, lieber tauschen als reparieren. Für ihn persönlich gilt eine klare Regel: „Keine Smartwatch!“
Während sich im Parterre eine Angestellte um Pflege und Reparatur von Armbanduhren kümmert, widmen sich Meister Max Huckschlag und Geselle Leon Ginkel im Obergeschoss den Standuhren. In der Restauration dieser Zeitmöbel hat sich die Firma überregional einen Namen gemacht. Uhrmacher sein heißt hier vor allem: sich der Eile verweigern.
Während draußen Sekunden verrinnen wie Münzen durch gespreizte Finger, herrscht in der Werkstatt ein anderes Maß. Minuten werden gedehnt, Stunden gefaltet. Der Uhrmacher liest die Zeit nicht – er fühlt sie. Er weiß, wann eine Feder müde ist, wann ein Öl zu dick aufgetragen wurde, wann ein Werk nur ein wenig Zuwendung braucht und keinen radikalen Eingriff. „Man darf nichts erzwingen“, sagt Ginkel, während er eine Feder fertigt und einpasst.
Mehr über die Arbeit in der Werkstatt lesen Sie in der Frühjahrsausgabe 2026 der hierzulande.
Kontakt
Reinhold Flüthe
Münsterstraße 18 in 48291 Telgte
Telefon: 02504 4631
Internet: www.fluethe.de
Seminarangebote u.a. auf der Homepage.
Text und Bilder: Axel Ebert
„Das Leben selbst hat mich in diese Vielfalt gedrückt.“ Das ist nicht nur eine Erkenntnis. Das ist ein Bekenntnis. Das Statement einer Frau, die erst fortgehen und einen langen, oft schweren Weg zurücklegen musste, um bei sich anzukommen. „Mein Blick ist heute auf das Schöne gerichtet“, sagt die Rietbergerin Birigit Peterschröder selbstbewusst. Sie ist Künstlerin und Coach. Sie liebt das Prozesshafte in beiden Bereichen und speist ihr Denken und Handeln aus deren Schnittmenge: der Kreativität. Das tut sie für sich und vermittelt es – auf Wunsch – auch anderen.
Die 55-Jährige arbeitete lange als Illustratorin, kreiert heute Comics, ist im weltweiten Netzwerk der Momente zeichnenden Urban Sketchers unterwegs, erschafft Holz- und Linolschnitte, erforscht und lehrt Neurografik. Und sie malt. Mit großer Leidenschaft. Zudem ist sie sowohl ausgebildeter Systemischer Coach als auch Teamentwicklerin. Sie übernimmt als sogenannter Visual Facilitator die visuelle Begleitung von Gruppenprozessen, ist Achtsamkeitstrainerin und Dozentin an verschiedenen Bildungseinrichtungen. „Früher habe ich Vielseitigkeit als Makel angesehen. Aber heute genieße ich sie. Die Kunst ist für mich immens wichtig. Menschen weiterzubringen aber auch.“
Dass sie in diesem Spagat einmal ihre innere Balance finden würde, hat sich Birgit Peterschröder, die in Varensell geboren und aufgewachsen ist, in Rietberg zur Realschule ging und eine Ausbildung zur Bürokauffrau machte, lange Zeit nicht vorstellen können. „Ich habe immer schon gern und viel gezeichnet, wollte das weiterverfolgen, aber solch eine ,brotlose Kunst‘ kam für meine Eltern nicht infrage. Das hat mich lange blockiert.“ Sie tritt die Flucht nach vorn an, holt in Bielefeld ihr Abitur nach, verlässt die Enge und Schatten ihres Elternhauses und zieht durch die Welt. Immer dabei: das Skizzenbuch. Egal, ob im australischen Umweltcamp, beim dreiwöchigen Schweige-Meditationskursus in Neuseeland — „war kein alltagstaugliches, aber wichtiges Erlebnis“ —, oder beim Versuch, mit fünf Mitstreitern den Mount Everest zu erklimmen. „Bei 4500 Metern bin ich höhenkrank geworden und musste zurück ins Basislager. Aber diese unglaubliche Natur hat mich überwältigt und auf eine ganz besondere, nachhaltige Weise sensibilisiert.“
Zurück in Deutschland, steht für sie fest: Sie wird Kunst studieren. Sie geht an die Bielefelder FH für Gestaltung, studiert bei Jochen Geilen, dem renommierten Professor für Zeichnung, Illustration und Druckgrafik. Im Studium lernt sie nicht nur ihren Mann Frank Peterschröder (Fotograf und Filmer) kennen, sondern auch Maki Shimzio, die heute in Berlin wohnende, bekannte japanische Comiczeichnerin und Graphic-Novel-Autorin. Zusammen tauchen sie ein in die Urban-Sketcher-Szene, diese internationale Community, die so viel mehr ist als eine weltumspannende Gemeinschaft von Stadtzeichnern. „Urban Sketching“, erklärt Birgit Peterschröder, „kommt aus dem Bauch heraus, ganz spontan. Anders als beim Fotografieren mit dem Handy geht es nicht darum, mal eben schnell den Moment einzufrieren, sondern um das genaue Beobachten, das persönliche, ganz bewusste Erleben und Widerspiegeln der Umgebung.“
Mittlerweile ist diese Art der künstlerischen Auseinandersetzung für Birgit Peterschröder etwas in den Hintergrund getreten. Das Zeichnen ist für sie mehr zur Vorstufe für ihre Malerei geworden, die ihr sehr wichtig ist. „Farben haben Strahlkraft. Jede Farbe steht für ein Gefühl, das ich in der Malerei ausleben kann. Das ist für mich pure Freude und bringt mir tiefen Frieden“, erklärt sie, während sie sich der Staffelei zuwendet und dem aktuellen Bild von den idyllischen Teichwiesen am Gut Rietberg mit dem Pinsel letzte Lichttupfen setzt.
Seit knapp zwei Jahren hat die Künstlerin in einem Nebengebäude des schmucken, weitläufigen Anwesens, das man durch eine prächtige Eichenallee erreicht, ihr Atelier. Über 20 Stufen gelangt man in die erste Etage, wo sich der kreative Kosmos der Rietbergerin offenbart: Großflächige Malerei mit wandhohen Kiefernstämmen, mit denen sich die Künstlerin an die lichtdurchfluteten Wälder an der Ostsee erinnert. Vis-à-vis kleinere Landschaften, Meeransichten oder auch Porträts und ausgearbeitete Straßenszenen an den Wänden. Im Regal eine Vielzahl von Büchern, Mappen und Malutensilien.
Auf einem Tisch finden sich Neurografiken, mit denen sie sich aktuell intensiv beschäftigt — als Künstlerin und Coach. Es geht darum, innere Themen kreativ zu bearbeiten, um neue Wege für sich selbst finden. Bei dieser visualisierten Bewusstseinsarbeit wird für jeden Gedanken eine Linie auf ein Blatt gezeichnet. Die Linien dürfen sich nicht wiederholen und müssen sich von dem erwarteten Weg wegbewegen. Das erfordert eine immer wieder neue Herangehensweise des Zeichnenden und hilft Denkmuster zu durchbrechen. Dabei wird man sich der eigenen Ressourcen bewusst.
In der hierzulande-Ausgabe Winter 2025 lesen Sie die ganze Geschichte, in der es auch um ihre Comic-Ausstellungen, die Arbeit mit Schulkindern sowie um die raue Ästhetik und körperliche Anstrengung bei einem Teil ihrer Arbeit geht.
Kontakt:
Birgit Peterschröder
Am Wiesenpfad 13 in 33397 Rietberg
Mobil: +49 170 2438018
E-Mail: [email protected]
Internet: www.birgitpeterschroeder.com
Atelier: Schloßstraße 2 in Rietberg
Text: Doris Pieper, Fotos: Doris Pieper, Frank Peterschröder
