Im Restaurant schick essen gehen oder gemütlich in der urigen Kneipe ein Bierchen trinken – in Westfalen gibt es zahlreiche Gastronomie-Betriebe mit einer langen Tradition, die beides verbinden. Wir stellen Ihnen in jeder Ausgabe unseres Magazins einen neuen „Gastro-Tipp“ vor und sind abwechselnd im Kreis Gütersloh und im Kreis Warendorf unterwegs. Eine gekürzte Version der Reportage lesen Sie hier.


Wirtshaus mit Kultcharakter

Betritt man das Gasthaus 1643 an der Rathausstraße in Rietberg, wird einem sofort das Motto deutlich: „einfach besonders“. In dem großen Fachwerkhaus treffen quietschbunte Polstermöbel auf knorrige Dachbalken und ein großer, roter Kronleuchter auf rustikalen Wirtshauscharme.

Familie Strunz aus Delbrück hat das ehemalige Ackerbürgerhaus 2009 übernommen und es mit viel Liebe zum Detail zum Lifestyle-Wirtshaus umgestaltet. „Die Umbauphase dauerte ganze vier Jahre“, erklärt Fabian Kraienhorst. Der 26-Jährige ist Restaurantleiter des Gastronomiebetriebs.

Von der Bar aus lässt sich der große Gastraum überblicken, der sich auf zwei Etagen erstreckt. Obwohl der Grundriss des Hauses recht offen gestaltet ist, lassen sich einzelne Bereiche abteilen. In jedem davon gibt es ein eigenes Thema, das sich harmonisch in das Gesamtkonzept des 1643 einfindet. Ob die alte Rentmeisterkammer mit edlem Retrochic und original erhaltenem Deckenputz von 1643 oder der Fuchsbau mit Holzdekor – Gruppen von bis zu 30 Leuten finden in den einzelnen Räumen Platz.

Über den riesigen Gemälden zwischen den Fenstern sind in die Dachbalken des Saals die Namen der Inhaber eingeschnitzt worden. „Klaus und Victoria Strunz“ steht dort in großen Lettern. Ein Pendant zu den ehemaligen Besitzern des Hauses, die ebenfalls in Holz verewigt sind.

Die Büste von Rentmeister Kahle am Treppenaufgang im ersten Raum erinnert an die Zeit, in der das Haus errichtet wurde. Das damals hochherrschaftliche Haus hatte außer dem Rentmeister viele weitere Besitzer. In den 1950er-Jahren übernahm Konrad Koch das Haus. Er baute es um zu einer Gastwirtschaft. Gleichzeitig verkaufte er dort Lebensmittel und betrieb eine Schlacht- und Wursterei. Die zweite Büste am Treppenaufgang ziert sein Gesicht.

Die Zielgruppe des 1643 ist nicht klar definiert, erklärt der Gastronom: „Hier trifft die ältere auf die jüngere Generation. Familien treffen auf Vereine, sowie Junggesellenabschiede auf Hochzeitsfeiern – das Spektrum ist breit gefächert.“ Der Blick in die Speisekarte verrät das Geheimnis, wie man es schafft, derart viele Geschmäcker zu treffen: Burger, Pizza, Hausmannskost, asiatische Speisen – von deftig bis edel, alles ist dabei.

Doch ist es nicht unmöglich, eine derart vielfältige Karte auf hohem Niveau umzusetzen? „Nein, ganz und gar nicht“, beteuert Anan Narat. Der 30-jährige Küchenchef ist der Kopf des sechsköpfigen Kochteams und kulinarischer Tausendsassa des Hauses. Seit 2019 steht er am Herd in der rot gefliesten Küche. Zuvor hat der gelernte Koch in rund 16 Ländern die Kelle geschwungen. Das färbt auf die Karte ab. „Das Rezept unseres Cheesecakes habe ich beispielsweise aus New York mitgebracht“, erinnert er sich.

In Ecuador lernte er schmackhafte Steaks und feurige Salsa zuzubereiten. Ideengeber für seine asiatischen Gerichte sei ganz klar seine Großmutter, sagt Narat. Doch sein Herz schlägt besonders für die traditionelle deutsche Küche: „Mir gefällt es, Gerichte wie Rouladen neu zu interpretieren.“

Pizzen wie beim Edelitaliener, die gibt es ebenfalls im 1643. Damit es klappt, den Teig gekonnt durch die Luft zu wirbeln, haben die Mitarbeiter die Kunst von einem ehemaligen Europameister im Pizzabacken gelernt. Pascal Szczeniak weiß, warum der „Teigwurf“ kein Humbug ist: „Dabei wird der Teig in der Mitte schön dünn und der Rand gleichmäßig rund.“ Unbeobachtet bleibt seine kulinarische Showeinlage nicht. Durch eine orangefarbene Plexiglasscheibe können Gäste vom Restaurant aus einen Blick in die Küche erhaschen.

1643 – Lifestyle-Wirtshaus
Rathausstraße 35, 33397 Rietberg
Telefon: 05244 9759397
E-Mail: info@1643-rietberg.de
Internet: www.1643-rietberg.de

Öffnungszeiten: Dienstag bis Samstag ab 17 Uhr, Sonn- und Feiertage ab 11.30 Uhr;
Küche: Dienstag bis Samstag 17.30 Uhr bis 21.30 Uhr, Sonn- und Feiertage 12 bis 14 Uhr und 17 bis 21 Uhr

Text: Jana Sobolewski, Fotos: Hubert Kemper


Wandel vom Imbiss zur gehobenen Küche

In den 1980er-Jahren war der Pommes-Automat der kulinarische Höhepunkt für die Gäste, heute erwartet sie im Gasthaus Eichenhof am Feldmarksee in Sassenberg gehobenere Küche.

Desserts? Die sucht man auf der Karte vom Gasthaus Eichenhof am Feldmarksee in Sassenberg vergeblich. „Von unseren Gerichten wird man mehr als satt“, erklärt Inhaber Paul Schulze Westhoff. „Wir hatten mal Desserts auf der Karte, die wurden aber kaum bestellt. Viele haben mir gesagt, sie würden gerne noch eins essen, aber sie seien einfach schon satt.“ Der 57-Jährige lacht. Nicht ohne Stolz darf er behaupten, aus dem ehemaligen Imbiss mit Pommes-Automaten und der mehr als 350 Jahre alten Hofstelle ein Restaurant mit gehobener Küche geschaffen zu haben.

Betritt man das Gasthaus, fällt zur linken Seite, noch vor der Theke, eine gemütliche Sitzecke ins Auge – der Lieblingsplatz von Schulze Westhoff. An den Wänden hängen alte Bilder, einige in Schwarz-Weiß. Vorm Kopfende des Tisches hängt ein großes Porträt. Es zeigt Josef Ostlinning, Schulze Westhoffs Großvater, der einst den Hof betrieben hat. Etwa 60 Gäste finden im Gasthaus Platz, auf der Terrasse gibt es ebenso viele Sitzplätze.  Für Veranstaltungen gibt es direkt gegenüber in der alten Scheune einen kleinen Raum, der für 40 bis 50 Personen ausgelegt ist.

Wofür der Eichenhof kulinarisch vor allem steht, ist Fisch. „Wir haben schon einige Gäste zum Fisch gebracht, die vorher davon überzeugt waren, ihn nicht zu mögen“, sagt Schulze Westhoff und lacht. Wirklich verwunderlich ist das beim Blick auf die Speisekarte nicht. Vom Forellenfilet „Feldmark“ über eine westfälische Variante mit Speckwürfeln bis hin zu Zanderfilet, Lachs und Scholle reicht das Angebot. Für große Fischliebhaber gibt es die exotische Fischplatte mit „erlesenen Köstlichkeiten aus dem Ozean und frischen tropischen Früchten“ – für ein bisschen Urlaub vor der Haustür sozusagen mit Ananas, Kiwi und Feige als Garnitur.

In der Küche sind Tatyana Daschitscaja und Elena Pospeyeva in ihrem Element. Sie bereiten jede Bestellung frisch zu, nur die kleinen Salatteller haben sie in Grundzügen vorbereitet, damit diese zügig rausgehen können. Auch die Soßen sind selbst gemacht – aus dem Eimer kommt hier nichts, betont ihr Chef. Die Produkte, die zum Einsatz kommen, stammen zum Großteil aus der Region. Das gilt für das Fleisch, das ein Fleischer aus Sassenberg liefert, aber auch für das Gemüse. „Der Fisch kommt allerdings nicht aus dem Feldmarksee“, scherzt Schulze Westhoff, „dann könnten wir nicht so regelmäßig und vor allem nicht die Vielfalt anbieten, die wir auf der Karte stehen haben.“ Stattdessen bezieht er ihn von einem Großhändler aus Bremerhaven.

Dass zu einem Campingplatz ein Restaurant mit gehobenerer Küche gehört, würden die meisten Besucher nicht erwarten, sagt Schulze Westhoff. In der Weinlaube auf der Terrasse genießen er und seine Frau derweil mit Söhnchen Paul eine Auswahl von der Karte. Nikolina Banjac isst besonders gerne den Salat. „Das Dressing schmeckt super, es ist mit Honig und Senf zubereitet und verleiht dem Salat ein tolles Aroma“, erklärt sie. Vom zarten Hähnchenfilet im Knuspermantel bekommt auch Paul ein paar kleine Stücke ab. Freudig schlägt der Einjährige mit den Händen auf den Tisch – es scheint nicht nur seinen Eltern, sondern auch ihm gut zu schmecken.

Eichenhof am Feldmarksee
Feldmark 3, 48336 Sassenberg
Telefon: 02583 3307
E-Mail: info@gasthaus-eichenhof.de
Internet: www.gasthaus-eichenhof.de
Öffnungszeiten: Dienstag bis Samstag ab 17 Uhr, Sonntag 11.30 bis 14 Uhr und ab 17 Uhr

Text: Kirstin Oelgemöller, Fotos: Andreas Poschmann


Wirtshaus im Schatten von St. Anna

Mitten in Verl im Schatten der St.-Anna-Kirche betreiben Sascha Großeschallau und Hannes Erichlandwehr den Bürmanns Hof. Leidenschaft prägt ihre Arbeit.

Wer den Bürmanns Hof in Verl betritt, der hat mit dem Schritt über die Schwelle das Gefühl, eine Reise zurückgelegt zu haben. Denn der Gastronomiebetrieb hat einen ganz besonderen Charme, der für die Region eher untypisch ist.
„Wir bezeichnen uns als Wirtshaus“, erklärt Sascha Großeschallau. Die Decken und Wände sind von Holz und Fachwerk geprägt, die Theke ist mitten im Gastraum angesiedelt und die gestreifte Polsterung der Stühle und Bänke hat historisch anmutenden Charme. Gemeinsam mit Johannes „Hannes“ Erichlandwehr betreibt Großeschallau seit fünfeinhalb Jahren den Bürmanns Hof.

„Durch den Charakter des Gebäudes, aber auch die Art und Weise, wie wir Gastronomie betreiben, passt der Begriff gut“, führt der 35-Jährige aus. Mittagstisch und Abendessen mit einer vielfältigen, zugleich bodenständigen Karte, sowie Frühschoppen gibt es im Bürmanns Hof. Die beiden Männer wollen „Leben in der Bude haben“ und jeden ansprechen.
Vom Geschäftsmann bis zur Familie mit kleinen Kindern und dem Stammtisch der Fußballer oder Handballer aus der Stadt. „Alle sollen sich bei uns wohlfühlen“, sagt der Bornholter. Das gilt auch für die Kegelgruppe und die Knobler sowie den Stammtisch der Alteingesessenen.

Der historische Hof Bürmann zählt zu den ältesten Bauernhöfen in der Stadt. „Gebaut wurde das ursprüngliche Haus vor etwa 1000 Jahren“, sagt Erichlandwehr. Ganz so alt ist das heutige Zweiständergebäude nicht. Das stammt aus dem Jahr 1698.

Ein besonderer Hingucker im Bürmanns Hof sind die historischen Fliesen, die auf dem Fußboden seitlich der Theke zu sehen sind. Der dunkelgraue, Belag hebt sich nicht nur farblich ab. Zahlreiche Splitter sind dort verarbeitet.
„Das ist der Originalfußboden“, erklärt Erichlandwehr. Regelmäßig kommen Stadtführer mit Gruppen vorbei, um den denkmalgeschützten Tennenboden zu zeigen.

Erst um 1985 entwickelte sich das alte Bauernhaus zum Gastronomiebetrieb. Zunächst bot Bernhard Büdel seinen Gästen etwa ein Jahrzehnt lang Sterneküche. Anschließend wechselten die Pächter laut Erichlandwehr mehrfach. Viele setzten auf gehobene Küche. Als 2014 ein neuer Betreiber gesucht wurde, überredete Erichlandwehr seinen jüngeren Kollegen, das Projekt gemeinsam anzugehen und kulinarisch einen anderen Schwerpunkt als die Vorgänger zu setzen.

Bis zu 85 Gäste finden in dem Wirtshaus gut Platz. Wird es etwas gemütlicher, sprich enger, kommen bis zu 110 Personen unter. Gesellschaften können die Räumlichkeiten zwar mieten, es gibt jedoch eine Einschränkung: „Der Thekenbereich bleibt immer frei“, betont Erichlandwehr. „Das gilt auch für den ersten Tisch direkt rechts neben der Tür. Dort sitzen unsere Stammgäste. Die haben immer ihren Platz bei uns.“

Der 62-Jährige fühlt sich hinter der Theke am wohlsten. „Vormittags und abends, spätestens ab 22 Uhr, ist hier mein fester Platz“, sagt er. Seit 33 Jahren ist er in der Gastronomie aktiv, bewirtete zunächst 10 Jahre lang in Verl-Kaunitz die Fürstenstube, im Anschluss 18 Jahre lang den Lindenkrug in Verl.

Die Theke selbst ist ein weiterer Hingucker in dem Wirtshaus. Oben ist sie mit blau-weißen Fliesen umgeben. Jagdmotive zieren diese. Vom Rehbock bis zum Jäger selbst. Davor stehen einige alte Kaffeemühlen. „Irgendwann meinte mal jemand, dass er eine übrig habe und die dort gut hinpasse. Ich habe gesagt: ,Bring einfach mal mit.‘ Und so wurden es mit der Zeit immer mehr“, erinnert sich der Gastronom.

Die Karte der Gaststätte ist geprägt von traditionellen Speisen. Von Salaten über Bratkartoffeln mit Spiegelei –
in Kombination mit Schnitzel als Schlemmerkrüstchen serviert – bis hin zu einer Auswahl verschiedener Schnitzel, Steaks und ostwestfälischem Bruzzelfleisch ist alles dabei. „Es gibt bei uns aber auch Currywurst und Bratwurst, hier soll sich schließlich jeder wohlfühlen“, hebt Erichlandwehr erneut hervor. Für Gesellschaften werde auf Wunsch auch etwas anderes zubereitet, beispielsweise Braten und Rouladen.

Bürmanns Hof
Kirchplatz 5, 33415 Verl
Telefon: 05246 3447
Öffnungszeiten: Dienstag bis Freitag ab 11 Uhr, Samstag und Sonntag ab 10 Uhr, Küche durchgehend ab 12 Uhr,
Montag Ruhetag; Betriebsferien vom 25. bis 31. Mai

Text: Kirstin Oelgemöller, Fotos: Hubert Kemper, privat (1)