An dieser Theke sind Ritter zu Hause

Munteres Rätselraten beim Kneipenquiz, Doppelkopfrunden mit Gästen aus Süddeutschland und Ausnahmezustand zu Karneval - in der Gaststätte Zum alten Graf in Rietberg sprudelt es vor Lebendigkeit.

Der alte Graf ist für Rietberger ein Symbol ihrer Heimat. In der Gaststätte wurden Vereine gegründet und rauschende Feste gefeiert. Das im 18. Jahrhundert erbaute Haus steht für Traditionspflege. Mark Brockschnieder und seine Ehefrau Bianka haben den Gasthof 2009 übernommen. „An Gastronomie hatte ich auch vorher Spaß“, sagt Mark Brockschnieder. Er arbeitete zuvor bereits in der Branche. Von April bis August wurden die Räumlichkeiten einem umfangreichen Umbau und einer intensiven Renovierung unterzogen. Um den ursprünglichen Charme des Hauses zu erhalten, richteten die Brockschnieders die frisch restaurierte Gaststätte wieder genau in dem Stil ein, den die Stammkunden unter den Kneipengängern kennen.

Das gewisse Etwas erhält die Einrichtung durch die vielen Verweise auf den Grafen. Im Eingang begrüßt eine Ritterfigur aus Metall die Besucher. Die Lampen über den Tischen sind aus historisch anmutenden Ritterhelmen gefertigt. „Für die Optik haben wir diese zum Teil rostig gemacht“, berichtet Mark Brockschnieder. Eine Besonderheit ist auch der eigene Kräuterschnaps, der den Hausnamen „Alter Graf“ trägt.

Geprägt wird der alte Graf von den zahlreichen Vereinen, die die Gaststätte für ihre Aktivitäten nutzen. Da ist die Doppelkopfrunde, die sich seit 40 Jahren trifft und zu der einer aus der Runde extra aus Süddeutschland anreist. Sport-, Schützen- und der Taubenzuchtverein zählen dazu – und selbstverständlich die Karnevalisten. Die Jeckenzeit gehört zum Alten Graf wie das Glas-Bier-Geschäft. Die Überbleibsel der feuchtfröhlichen Feierlichkeiten zeigen sich am nächsten Tag. EC-Karten, Perücken, Kostüme haben den Weg mit ihren Besitzern aus der Gaststätte nicht herausgefunden. „Über das ganze Jahr bleibt vielleicht mal ein Regenschirm liegen – nach Karneval ein halber Kostümverleih“, sagt Bianka Brockschnieder mit einem Augenzwinkern.

Besonders beliebt ist das Kneipenquiz, das alle zwei bis drei Monate im Wirtshaus stattfand. Zurzeit setzt die Veranstaltung coronabedingt aus. Wenn die Pandemie es zulässt, sollen die Rätselabende wieder fest ins Programm aufgenommen werden.

 

Zum alten Graf
Rathausstraße 12, 33397 Rietberg
Telefon: 05244 8862
E-Mail: info@zum-alten-graf.de
Internet: www.zum-alten-graf.de
Öffnungszeiten:
Donnerstag bis Montag ab 17 Uhr

 

Text: Andi Kleinemeier, Fotos: Hubert Kemper


Klönen und Knobeln in der Wiese

Knobelrunden zu jeder Tageszeit, die ersten Thekengäste morgens um 10 und mehr als 165 Jahre Tradition – das alles bietet der Alte Gasthof Wiese in Warendorf.

„Die Wiese ist die Wiese. Sie ist eine Institution in Warendorf“, sagt Falk Roerkohl. Der 49-Jährige hat Kneipe und Gasthaus vor knapp zweieinhalb Jahren von Margret Wiese übernommen, die dort 50 Jahre hinter der Theke stand. Dementsprechend viel hat sie über die Geschichte des Betriebs zu berichten. Und auch Roerkohl kennt inzwischen die Eigenheiten seiner Stammgäste, von denen er lachend zu berichten weiß.

Pünktlich um fünf Minuten vor zehn am Vormittag haben diese über Jahre vor der Kneipentür gestanden, erinnert sich Wiese. „Wenn ich nicht pünktlich aufgeschlossen habe, dann rappelte es auch schon mal an der Tür“, erzählt sie. Die Männer von Tisch 1, der verlängerten Theke, hätten stets viel geknobelt. Doch nicht nur die. „Ich habe Zeiten erlebt, da kamen zehn Leute unter der Woche mittags zum Knobeln. Es wusste jeder: Um eins, Viertel nach eins ist Aufschlag. Und dann ging das bis um drei. Natürlich mit vollem Bierdeckel“, sagt die heute 74-Jährige und lacht bei der Erinnerung an die zahlreichen alkoholischen Getränke, die sie damals bereits zur Mittagszeit ausschenkte.

2019 war es, als der Warendorfer das Alte Gasthaus Wiese übernommen hat. Im Gästeraum ersetzte Roerkohl die Sitzbänke durch Stühle, die Tische erhielten neue Tischplatten, in der Kneipe wurden die Barhocker neu bezogen. „Viel mehr haben wir an der Ausstattung nicht verändert.“ Schließlich sollte „die Wiese“ als solche erkennbar bleiben.

Eine augenscheinliche Veränderung hat sich allerdings an den Wänden im Gästeraum vollzogen. Dort hängen mehrere Filmplakate. Diese hat der Gastronom von Johannes Austermann erhalten. Mit dem Besitzer des Kinos „Scala“ in Warendorf kooperiert er und das zeigt sich ebenso auf der Speisekarte: Dort gibt es das Schnitzel nach „Scala-Art“ mit einer Nacho-Panade. Die Chips sind original die, die Austermann in seinem Kino an die Zuschauer ausgibt. Eines der Plakate im Alten Gasthaus Wiese gehört allerdings dem Kneipier selbst: „Paul Leon“ ist nicht nur das größte, sondern auch mit Abstand das älteste. „Es ist ein Originalplakat und mehr als 100 Jahre alt“, betont Roerkohl, der stolz auf das besondere Stück ist.

Richtig was los war im Alten Gasthaus Wiese schon in den 1960er-Jahren. Auch hinter der Ladentheke des damaligen Café- und Konditoreibetriebs. „Ich erinnere mich noch, dass hier für alle Cafés in der Stadt das Eis gefroren wurde“, erzählt Margret Wiese. Bis zu 150 Liter Speiseeis am Tag.

Was sich vor den 1950er-Jahren im Alten Gasthaus Wiese abgespielt hat, davon weiß auch Margret Wiese nur aus Erzählungen. Falk Roerkohl und Rebecca Lek forschen in Archiven nach, um möglichst viel über die Geschichte von Haus und Betrieb herauszufinden. Auf einige alte Fotos sind sie dabei bereits gestoßen.

Heute konzentriert sich Roerkohl auf den Kneipen- und Gastronomiebetrieb. Täglich – außer montags – öffnet er um 10, Feierabend ist gegen 23 Uhr. Die Küche ist sein Refugium, die Karte beschreibt er als klassisch deutsch mit westfälischen Einschlägen. Derzeit gibt es ein Baukastensystem, in dem sich die Gäste ihre eigene Speise zusammenstellen können: Hähnchen- oder Schweineschnitzel, klassisch gewürzt oder mit Panade, dazu eine Auswahl an Soßen und Beilagen. Außerdem gibt es ein vegetarisches Pastagericht, einen veganen Gartensalat und einen Salat mit gratiniertem Ziegenkäse.

Altes Gasthaus Wiese
Kirchstraße 3, 48231 Warendorf
Telefon: 02581 8725
Internet: www.agwiese.de
Öffnungszeiten: Dienstag bis Sonntag 10 bis 23 Uhr, Küche 17 bis 21 Uhr und nach Vereinbarung, Montag Ruhetag

 

Text: Kirstin Oelgemöller, Fotos: Hubert Kemper, Andreas Poschmann, Altstadtfreunde Warendorf, privat


Gastfreundschaft in vierter Generation

 „Gastlichkeit im Grünen“: So lautet das Motto der Gaststätte Hesse in Rietberg-Varensell. Dass dieses Motto passt, macht sich schon bei der Anfahrt bemerkbar. Außerhalb des kleinen Dorfs Varensell gelegen, geht es vorbei an Feldern und Wiesen, um zu der Lokalität in der Schulstraße zu gelangen. Auch das Gasthaus selbst ist von Grün umgeben. Vor dem Haus thront ein mächtiger Kastanienbaum. Über hundert Jahre ist er bereits alt – die Kastanie wurde gepflanzt, als Familie Hesse die Gaststätte übernahm

Die Tradition der Gaststätte Hesse ist beim Betreten sofort spürbar. Der Schankraum ist rustikal und strahlt gleichzeitig großen Charme aus. Beim Eintritt durch die Schwingtüren fallen zunächst die vielen Schilder an den Wänden ins Auge – von Maggi, Biermarken, Irish Whiskey, ein Straßenschild des Champs-Élysées. Und etliche Lebensweisheiten. „Wer trinkt, hilft der Landwirtschaft.“

In der Gaststätte begrüßt Inhaber Konrad Hesse, von allen nur Conny genannt, die Gäste. Seine Großmutter Ida Frickenstein erbte das Anwesen von den Brüdern Wiehenpeter. Sie heiratete Heinrich Hesse, der 1919 auf seinen Namen eine Schankkonzession beantragte. Seit dem Sommer 1920 trägt die Gastwirtschaft den Namen Hesse.

Heinrich Hesse riss Anfang der 1920er-Jahre das alte Haus ab und errichtete die Gaststätte neu. „Der Charakter von damals ist aber heute noch vorhanden“, betont Conny Hesse. Im Jahr 1953 übernahm Konrad Hesse senior die Gaststätte. 1989 erbte Sohn Konrad junior das Lokal. Seitdem betreibt er es zusammen mit seiner Frau Ruth, die selbst von Haus aus Gastwirtin ist. Sie ist für die Küche zuständig, während er sich um Service und die Theke kümmert.

„Nach der Übernahme haben wir die Örtlichkeiten erweitert“, berichtet Conny Hesse. Mit dem Gesellschaftsraum, der Feierscheune und „Connys Biergarten“ entstand die Gaststätte, wie sie heute ihre Gäste willkommen heißt. Schränke und Türen im Schankraum, Truhen und Waagen auf den Gängen – „Vieles ist trotz Renovierungen noch so, wie es vor 100 Jahren war“, sagt Hesse.

Wenn auch coronabedingt in etwas abgeschwächter Form, feierte die Gaststätte im vergangenen Jahr ihr 100-jähriges Bestehen in der Generation Hesse. Mit Johannes Hesse, einem der vier Söhne, steht nun bereits die vierte Generation bereit, den Betrieb zu übernehmen. In Soest machte er seine Ausbildung zum Brauer und Mälzer. In Ulm hat er im vergangenen Jahr seinen Brau- und Malzmeister gemacht.

Die Gäste an der Schulstraße in Varensell können bereits in den Genuss des hauseigenen Biers von Johannes Hesse kommen. „Sommerwieß“ hat er die Sorte getauft. „Das Bier wird nach meinem eigenen Rezept hergestellt, gebraut wird es in meinem ehemaligen Ausbildungsbetrieb Brauhaus Zwiebel in Soest“, erläutert der Junior. Abgefüllt wird es nach sechs Wochen Reifezeit. „Das Sommerwieß ist naturtrüb und unfiltriert“, erklärt Johannes Hesse. Das Wieß ist eine alte Biersorte, aus der das heutige Kölsch hervorging.

Die Speisekarte in der Gaststätte Hesse zeichnet sich durch ihre gutbürgerliche Küche und ihre westfälischen Spezialitäten aus. Zu denen gehören Mehlpfannkuchen mit Apfelmus, Speckpfannkuchen oder Mettwurstpfannkuchen mit einem Blattsalat mit Sahnedressing, gebratene Blut- und Leberwurst mit Bratkartoffeln und Apfelmus, Bratkartoffeln mit Spiegeleiern oder eine Hausmacher Sülze mit Remouladensoße und Gewürzgurke, dazu Bratkartoffeln und eine Salatbeilage.

„Auch die Klassiker, wie Schnitzel, haben wir selbstverständlich im Angebot“, sagt Conny Hesse. Zudem gibt es weitere Grillgerichte wie Rumpsteaks oder einen Grillteller mit Steaks, Nürnberger Bratwürstchen und gebratenem Speck. Aber auch Suppen oder etwas für den kleinen Hunger finden sich auf der Speisekarte:

Gaststätte Hesse
Schulstraße 80, 33397 Rietberg
Telefon: 05244 2900
E-Mail: info@gaststaette-hesse.de
Internet: www.gaststaette-hesse.de

Öffnungszeiten: Montag und Donnerstag 15 bis 22 Uhr, Mittwoch 11 bis 13 und 15 bis 22 Uhr, Freitag 15 bis 24 Uhr, Samstag 10 bis 24 Uhr, Sonntag 10 bis 22 Uhr, Dienstag Ruhetag; Urlaub vom 6. bis 21. September

Text: Andi Kleinemeier, Fotos: Hubert Kemper



Gastronomen gehen neue Wege

Mehr als ein halbes Jahr Stillstand – die Gastronomie hat unter den Corona-Maßnahmen gelitten. Einige Betriebe haben aus der Not eine Tugend gemacht und kreative neue Konzepte entwickelt.

Restaurant-Feeling beim Wohnmobil-Dinner

Bei Facebook hat Norman Adelmann im vergangenen November die Idee der Wohnmobil-Dinner entdeckt. „Wir sind direkt auf das Pferd aufgesprungen“, sagt der Juniorchef vom Hotel Adelmann in Rietberg-Mastholte. „Im Kreis Gütersloh waren wir mit die Ersten, die die Wohnmobil-Dinner angeboten haben.“

Wer sich nach einem Restaurantbesuch sehnt, kann von zu Hause ein Menü von der monatlich wechselnden Speisekarte auswählen und einen Termin reservieren. Vor Ort wird ein Parkplatz vor dem Hotel zugewiesen. „Mit Abstand und Maske nehmen wir dann am Wohnmobil die Getränkebestellung auf und bringen das komplette Menü an die Tür“, erklärt Adelmann (43). Serviert werde selbstverständlich auf Porzellan und mit richtigem Besteck. „Es soll ja zumindest ein bisschen das Gefühl eines echten Restaurantbesuchs entstehen.“ Viele würden sich ihren Wagen extra schön herrichten, um in einem angenehmen Ambiente speisen zu können.

„Am Anfang wurden wir überrannt“, sagt Adelmann. „Da hätten wir deutlich mehr Plätze vergeben können.“ In der Regel sind die Gäste Familien. Viele Besucher kamen aber auch zu besonderen Anlässen wie Geburtstagen oder Hochzeitstagen. „Ein Höhepunkt war, als ein Paar direkt nach der standesamtlichen Trauung zu uns kam“, sagt Adelmann. Auch von weit her, unter anderem aus München, haben er und sein Team Gäste bedient. „Die meisten sind froh, einfach wieder etwas anderes zu erleben – und auch mal ein gezapftes Bier zu trinken“, sagt Adelmann.

Hotel Adelmann
Lippstädter Str. 5, 33397 Rietberg-Mastholte
Telefon: 02944 1442
E-Mail: info@hotel-adelmann.de
Internet: www.hotel-adelmann.de