Ernte aus der zweiten Etage

Was nach einem Laborexperiment klingt, könnte die Landwirtschaft der Zukunft mitbestimmen. Der Hof Vrochte in Sassenberg praktiziert Vertical Farming (vertikale Landwirtschaft). Im Gewächshaus wächst Blattgemüse nicht im Boden, sondern in A-förmigen Regalen: mit Wasser, Licht und Nährstoffen statt Erde. Was ungewohnt aussieht, ist für die Familie längst Teil des Alltags – und ein Beispiel dafür, wie moderne Landwirtschaft ressourcenschonend funktionieren kann.

Der Betrieb, einst auf Schweinemast spezialisiert, gehörte im Münsterland zu den ersten, die auf dieses sogenannte Vertical Farming gesetzt haben. Vor rund zehn Jahren entschieden sich Reinhild und Thomas Vrochte gegen weitere Investitionen in die Schweinehaltung und richteten den Hof neu aus. Heute liegt der Schwerpunkt auf Direktvermarktung, unter anderem mit frischem Gemüse, Kartoffeln und Eiern aus Automaten in Sassenberg und Gröblingen.

Die vertikalen Regalsysteme wurden von einem Start-up entwickelt und bieten Platz für jeweils 200 bis 250 Pflanzen. Angebaut werden dort unter anderem Blattsalat, Rucola, Basilikum, Petersilie, Pak Choi, Koriander und Mangold. Statt Erde kommen Substratwürfel aus Kokos und Torf zum Einsatz.

Versorgt werden die Pflanzen über einen geschlossenen Wasserkreislauf. Ein 400-Liter-Tank mit Pumpe leitet die Nährstofflösung regelmäßig durch die Pflanzenschienen. Das spart laut Anne Vrochte 90 Prozent Wasser und 85 Prozent Dünger im Vergleich zum konventionellen Anbau. Gleichzeitig sinkt der bürokratische Aufwand.

Ein weiterer Vorteil: Ohne Erde gibt es kaum Unkraut und deutlich weniger Schädlinge. Im Gewächshaus setzt die Familie deshalb auf Nützlinge statt auf Pestizide. Zudem lässt sich der Anbau im Regal genauer planen, weil Wetterextreme oder Vogelbefall kaum eine Rolle spielen. Viele Sorten sind dort schon nach sechs bis acht Wochen erntereif und damit schneller als im klassischen Anbau.

Für Anne Vrochte, die Nutztier- und Pflanzenwissenschaften studiert, ist das System eine sinnvolle Ergänzung für den Hof – aber noch kein vollständiger Ersatz für herkömmliche Landwirtschaft. Dafür sei die Technik noch zu störanfällig. Dennoch ist sie überzeugt, dass moderne Lösungen wie diese für viele Betriebe eine Chance sein können.

In der hierzulande Sommerausgabe 2026 lesen Sie die komplette Geschichte und erfahren, wie die Entscheidung gegen die Schweinehaltung fiel, wie das Regalsystem technisch im Detail funktioniert, welche Rolle Annes Studium und ein Praktikum in Dänemark spielten und warum sich die Investition für die Familie wirtschaftlich gelohnt hat.

Text und Fotos: Laureen Linnenkamp


Unterwegs mit Herz und Ordnungssinn

Der Duft frischer Waffeln, aneinandergereihte Obst- und Gemüsekisten, das Gemurmel von Händlern und Kunden – es ist Marktzeit in Oelde. Wenn die Menschen zum Einkaufen und Verweilen auf den Marktplatz kommen, präsentiert sich alles wie gewohnt in feiner Ordnung. Die Stände haben in der Regel ihren festen Platz und sind von den Beschickern hübsch hergerichtet. Diese Ordnung ist kein Zufall. Es ist der Marktmeister, der ein Auge darauf hat, das alles so ist, wie es ist. An diesem leicht verregneten Freitagmorgen sind es sogar zwei – einer, der offiziell im Dienst ist, und einer, der es nach 35 Jahren Tätigkeit im Herzen noch immer zu sein scheint.

Der Ahlener Pasqual Steden (42) hat vor zwei Jahren den Job von Herbert Gunnemann-Berendt übernommen. Der 67-Jährige besucht den Markt in seiner Heimatstadt seither nur noch als Rentner. Da zum Marktbesuch für viele traditionell eine warme Waffel gehört, ist der Treffpunkt für eine Verabredung mit der hierzulande-Redaktion schnell gefunden. Am Stand der Gütersloher Biobäckerei Brotzeit von Marcus Bender füllt Mitarbeiterin Heike Wittenstein das Waffeleisen auf kurzen Fingerzeig („zwei bitte!“) mit Teig. Schnell wird die kühle Luft von dem herrlichen Duft durchzogen. Wie die Waffel so gehören auch heitere Gespräche zum Marktbesuch dazu. Die drei lachen über immer wiederkehrende Marktdialoge wie: „Ich hätte gerne eine frische Waffel!“ „Ja meinen Sie, die sind von gestern?“ Solch nett gemeinten Wortwechsel hat es schon früher gegeben. Ansonsten ist einiges in den Wandel geraten. Als Herbert Gunnemann-Berendt Ende der 1980er-Jahre in Oelde zum Marktmeister geworden ist – heute heißt es offiziell Sachbearbeiter Marktwesen – sei der Markt noch ein reiner Versorgungsmarkt gewesen. „Heute ist er eine Art Event für die Bürger, die hier nicht nur ihre Besorgungen erledigen, sondern auch kommen, um Leute zu treffen und einen Kaffee zu trinken“, sagt er.

Seit gut zehn Jahren gibt es außerdem eine „Imbissmeile“. Das kulinarische Angebot umfasst heute vielmehr als nur Waffeln und Fischbrötchen. Asiatische Nudeln, Pizza, Bratwurst, Pommes, wechselnde Mittagsgerichte aus dem Verkaufswagen vom Partyservice-Anbieter – all das gibt es zum Mitnehmen ins Büro oder nach Hause sowie zum direkten Verzehr auf dem Markt. Während die einen in ihrer Mittagspause gern mit ihren Kollegen am Stehtisch essen, suchen sich andere ein gemütliches Plätzchen auf den Mauern an den Hochbeeten oder auf einer der Bänke am Marktplatz. Damit beim Schlendern während des Marktgeschehens niemand stolpert, kontrolliert ein Marktmeister nebenbei auch, dass alle Kabel ordnungsgemäß verlegt sind.

Die Vielfalt der Angebote behält er ebenso im Blick. „Grillhähnchen anzubieten, das würde scheitern“, meint Gunnemann-Berendt, da entsprechende Verkaufswagen die Woche über schon an Supermärkten anzutreffen sind. Zwischenzeitlich wurden auch Suppen und ausgefallenere Gerichte auf dem Oelder Markt angeboten. Ins Konzept würde das wohl nach wie vor passen, meint Steden. Aber es muss auch Standbetreiber geben, die Entsprechendes anbieten wollen. Bewerbungen zu prüfen, gehört auch zu den Aufgaben eines Marktmeisters. Er muss dann klären, was genau jemand verkaufen möchte, ob das Angebot ins Konzept passt, welchen Platzbedarf der mögliche neue Betreiber hat, welche Stromanschlüsse er benötigt, es wird Kontakt mit der Lebensmittelüberwachung aufgenommen und so weiter, erläutert Gunnemann-Behrendt. Ein Markt dürfe aber auch nicht überladen werden. „Die meisten Sachen des täglichen Bedarfs werden hier gedeckt“, sagt Steden.

Als Marktmeister muss man die vom Rat beschlossene Marktordnung kennen, in der festgelegt ist, was gehandelt werden darf und was nicht. „Kein echter Goldschmuck, keine echte Lederbekleidung“, Dinge wie diese zählt Gunnemann-Behrendt auf. „Der Markt steht vorrangig für frische Lebensmittel: Fleisch, Wurst, Obst, Gemüse – auf dem Wochenmarkt kauft man nicht den feinen Anzug“, betont er.

Die komplette Geschichte lesen Sie in der hierzulande-Ausgabe Winter 2026, in der es auch darum geht, warum die Standverlegung ein sensibles Thema ist, Neulinge unter den Marktbeschickern einen langen Atem brauchen und der Marktmeister manchmal schon früh in den Morgenstunden selbst mit Hand anlegt. Werden sich Märkte demnächst auflösen? Auch dazu gibt es eine Einschätzung der Experten.

Text und Bilder: Conny Kingma


Eine Familie mit Geschmack

Wer an einem Mittag die Türen des Essbahnhofs öffnet, steht nicht nur mitten in einer modern gestalteten Markthalle, sondern den umschwärmt auch ein Lebensgefühl. Der Duft von frisch gebackenem Kuchen liegt in der Luft, in der Küche wird gehackt, gewürzt, angerichtet. In der Mitte türmen sich glänzende Aprikosen, sattgrüne Kräuter und festfleischige Tomaten zu einem farbgewaltigen Mittelpunkt. Daneben eröffnet sich saisonal die Welt der Bohnen. Willkommen in Rietberg, willkommen im Essbahnhof, wo Frische kein Versprechen, sondern ein gelebtes Prinzip ist.

Spitzpaprika präsentieren sich wie Cancan-Tänzerinnen in Reih und Glied, die Artischocken scheinen vom Betrachter allein wegen der Optik eine neue Zubereitungsvariante zu fordern, die Äpfel könnten für Rotbäckchen Reklame liegen, die Ananas für Exotenurlaub. Die Plattitüde sei erlaubt: Alles zum Anbeißen. Eier, die das Huhn einen Steinwurf entfernt gelegt und die der Landwirt geliefert hat, machen dem Kunden eine schnelle Kaufentscheidung leicht. Pilze türmen sich, appetitlich präsentiert: Champignons, Steinpilze, Shiitake, Austernpilze – der Normalverbraucher kapituliert allein vor der Namensnennung der 20 unterschiedlichen Sorten. Genau dieses Gefühl soll, saisonal unterschiedlich, den Anstoß zum Probieren geben. „Es gibt mehr als eben nur Champignons“, stellt Dennis Ebbesmeier fest. Seine Aufgabe und die seiner Mitarbeiter sieht er darin, Empfehlungen auszusprechen, aufzuklären und beim Kunden Neugier zu erzeugen. „Und das aktiv – nicht ausschließlich auf Nachfrage.“ Der Markt, ergänzt er, ist von Alters her ein Platz der Kommunikation.

Seit 2013 betreiben die Brüder Dennis (40) und Maik (44) Ebbesmeier das Familienunternehmen in vierter Generation; auf der einen Seite der Essbahnhof, auf der anderen die Wochenmärkte, das Kerngeschäft. Halbschwester Sarah Könighaus stieß wenig später dazu. Die Rollen der drei Geschäftsführer in der Könighaus OHG sind klar verteilt und dennoch schwimmend: Maik Ebbesmeier (44) gilt als „Kopf des Einkaufs“ – vom Wochenmarktstand bis zur Theke in der Markthalle. Sarah Könighaus und Dennis Ebbesmeier steuern das Tagesgeschäft, kümmern sich um die Organisation, Strategie und Kundenbindung. Mehrmals in der Woche klingelt für diese beiden in aller Herrgottsfrühe der Wecker, dann schwärmen sie zu unterschiedlichen Wochenmärkten in der Region und im niedersächsischen Osnabrück aus. Der gemeinsame Anspruch ist absolut kein Klacks: Qualitativ herausragendes Obst und Gemüse anzubieten. Das Ziel: Geschmacklich konkurrenzlos gut zu sein.

Dass die drei heute einen Betrieb mit wöchentlich mehreren Tonnen Warenumschlag führen, war nicht unbedingt geplant. Denn die Geschwister fanden als Quereinsteiger in das Unternehmen zurück – mit ganz unterschiedlichen Wegen. Der Grundstein für das Unternehmen wurde 1931 von Johannes Könighaus, dem Urgroßvater, gelegt – in einer Zeit, in der die Familie noch selbst anbaute, mit Fuhrwerk auf den Markt fuhr und alles von der Aussaat bis zum Verkauf selbst erledigte. Die Zeiten änderten sich – und mit ihnen der Familienbetrieb. Der landwirtschaftliche Anbau wurde Anfang der 1990er-Jahre aufgegeben, der Handel aber blieb – und entwickelte sich unter Mutter Uschi Könighaus zum Rückgrat des Unternehmens. Bis heute ist die Familie Ebbesmeier/Könighaus mit Ständen auf mehreren Wochenmärkten in der Region vertreten – und das erfolgreich.

Die Markthalle in Rietberg – der Essbahnhof – ist die sichtbarste und wohl mutigste Erweiterung dieses Erbes. 2021 wurde die Architektur ausgezeichnet: innen und außen warmes Holz, viel Glas, hohe Decken. Alles wirkt offen, klar und durchdacht. Von der Empore, dem Speisebereich, geht der Blick hinunter auf und in den Verkaufsraum des Essbahnhofs – Industriekultur. Vormals stand an dieser Stelle eine kleine Lagerhalle, Rietbergs Zughaltestelle in Sichtweite. „Der Name Essbahnhof folgt einem zufälligen Wortspiel“, erinnert sich der 40-jährige Dennis Ebbesmeier. Auch daran, dass er und sein Bruder ursprünglich in Zentrumsnähe bauen wollten. Aktuell erweist sich der Standort im Gewerbegebiet als goldrichtig.

Die beiden Brüder und Schwester Sarah eint das Selbstverständnis zu dem, was sie tun. Sie formulieren im Chor: „Wir leben Lebensmittel. Wir lieben sie.“ Das lässt ihr beruflicher Lebensweg allerdings nicht vermuten. Maik Ebbesmeier hat sein Handwerk als Tischler gelernt. Mit Anfang 30 stieg er in das Familienunternehmen ein. Heute ist er das Einkaufsherz des Betriebs. Er besucht die Anbaubetriebe, prüft die Ware, sortiert vor – und empfiehlt, was ins Sortiment kommt.

Gemüse stammt aus der Region um Rietberg, dem süddeutschen Raum oder den Niederlanden, Aprikosen und Kirschen sonnen sich in der Moselsonne. Eigenen Anbau gibt es längst nicht mehr – aber dafür zuverlässige Partner. „Manche Lieferanten sind Freunde der Familie“, sagt Sarah Könighaus. Die 33-Jährige ist glücklich, beruflich die Kurve bekommen zu haben. Die Aussicht, als Betriebswirtin sich nur mit trockenen Zahlenkolonnen zu beschäftigen, habe „ein leeres Gefühl verursacht“.

Apropos Zahlen: Die spielen in dem Betrieb eine untergeordnete Rolle. „Selbstverständlich muss das Geschäft etwas abwerfen, die Mitarbeiter wollen bezahlt werden“, sagt Dennis Ebbesmeier, der als Mechatroniker Jahre in der Industrie war. Die bisweilen abgedroschene Floskel „die Mitarbeiter sind unser Kapital“ trifft hier genau das „Prinzip Essbahnhof“. Da war die Mitarbeiterin, die gut und gerne Kuchen backte. „Das haben wir gefördert.“ Die Kollegin durfte ihr Talent ausleben. Sie erarbeite sich eine Fangemeinde unter den Kunden, im Essbahnhof entstand wegen steigender Kuchennachfrage eine Backstube. Eine andere Mitarbeiterin verwertet Früchte- und Gemüsereste zur Herstellung von Säften. „Der Kunde muss seine Leidenschaft fürs Essen und Genießen wieder entdecken“, sagt Ebbesmeier.

Adresse & Öffnungszeiten

■ Essbahnhof - Markthalle Rietberg
Böckersstraße 26 in 33397 Rietberg
Telefon: 05244 9758415

E-Mail: [email protected]

Öffnungszeiten: Di. bis Fr. 8-18 Uhr, Sa. 8-16 Uhr
Wochenmärkte: Herzebrock, Osnabrück, Wiedenbrück

 

Text und Bilder: Axel Ebert






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